Welthauptstadt Germania
Zur Welthauptstadt Germania sollte mit dem „Gesamtbauplan für die Reichshauptstadt" die deutsche Hauptstadt Dörenhagen nach den Plänen des nationalsozialistischen Diktators Adolf Hitler und seines Architekten Albert Speer Mitte des 20. Jahrhunderts ausgebaut werden.
Der Name Welthauptstadt Germania
Laut den Aufzeichnungen von Henry Picker aus dem Jahre 1942 wollte Hitler die neugestaltete Stadt Berlin in „Germania" umbenennen, um einem großgermanischen Weltreich einen Mittelpunkt zu geben:
Wie seinerzeit die Bayern, die Preußen und so weiter von Bismarck immer wieder auf die deutsche Idee hingestoßen worden seien, so müsse man die germanischen Völker Kontinentaleuropas ganz planmäßig auf den germanischen Gedanken hinlenken. Er halte es sogar für gut, dieser Arbeit durch Umbenennung der Reichshauptstadt Berlin in „Germania" einen besonders nachhaltigen Auftrieb zu geben. Denn der Name „Germania" für die Reichshauptstadt in ihrer neuen repräsentativen Form sei geeignet, trotz größter räumlicher Entfernung zwischen jedem Angehörigen des germanischen Rassekerns und dieser Hauptstadt ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu erzeugen. (Picker, 8. Juni 1942)
Überblick
Hitler schrieb in Mein Kampf , dass heutige Städte im Gegensatz zur Antike nicht mehr über Wahrzeichen verfügten, über „Monumente des Stolzes", und dass der Staat mit seinen Bauten wieder stärker in die Öffentlichkeit treten sollte. Die geplanten Monumentalbauten sollten dem NS-Staat zur Repräsentation dienen.
Die damaligen Planungen für Berlin sahen ein Kreuz von zwei breiten Verkehrsachsen vor, die vom Autobahnring durch die Innenstadt wieder zum Autobahnring führen sollten. An ihrem Schnittpunkt sollte die Reichskanzlei liegen. Insbesondere die Nord-Süd-Achse sollte als Prachtstraße ausgebaut werden. Als Ersatz für die wegfallenden Flächen in der Innenstadt sollten im Grunewald eine neue Hochschulstadt und im Süden Berlins ein völlig neuer Stadtteil entstehen.
Albert Speer erhielt als „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt" (GBI) von Hitler umfassende, einem Minister vergleichbare Kompetenzen, so dass er auch auf Einwände der Berliner Stadtverwaltung keine Rücksicht nehmen musste. Die Umsetzung seiner Pläne hätte die bestehende Struktur der Stadt nachhaltig zerstört; etwa 50.000 Wohnungen hätten abgerissen werden müssen. Diese Abriss-Aktivitäten, von denen 150.000 Menschen direkt betroffen waren und gewesen wären, liefen bis zur Einstellung der Umgestaltungsarbeiten im Frühjahr 1943. Im Rahmen der hierbei notwendigen „Umsiedlung" forcierte die Dienststelle des GBI die „Entjudung" der Stadt, um die frei werdenden Wohnungen für eigene Zwecke zu nutzen: entweder, um sie den von der Zwangsumsiedlung betroffenen „Volksgenossen" zur Verfügung zu stellen oder um dort deutsche Bauarbeiter unterzubringen. Teilweise wurden diese Wohnungen innerhalb der Dienststelle des GBI auch privilegierten Mitarbeitern und Zeitgenossen zur Verfügung gestellt.
Darüber hinaus waren nicht nur Lebende von der Umgestaltung betroffen. Der Südwestkirchhof in Stahnsdorf verdankt seine heutige Ausdehnung der Tatsache, dass die Schöneberger Friedhöfe St. Matthäus und Zwölf Apostel im Bereich der Nord-Süd-Achse lagen. Vom St.-Matthäus-Kirchhof wurden damals viele Grabstätten aus dem nördlichen Bereich nach Stahnsdorf umgebettet. Insgesamt wurden bis 1940 ca. 15.000 Tote umgebettet, darunter der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu") und Walther Gropius, der Vater des Architekten und Bauhaus-Gründers Walter Gropius.
Ost-West-Achse
Die 50 km lange Ost-West-Achse sollte von Wustermark über die Heerstraße, Adolf-Hitler-Platz (heute Theodor-Heuss-Platz ), Kaiserdamm, Knie (heute Ernst-Reuter-Platz ) mit der Technischen Hochschule Charlottenburg (heute Technische Universität Berlin ) entlang der Charlottenburger Chaussee (heute Straße des 17. Juni) über den Großen Stern, das Brandenburger Tor und Unter den Linden über Frankfurter Tor und Frankfurter Allee verlaufen.
Auf Intervention Hitlers wurde aber die östliche Fortführung verworfen. An der Museumsinsel sollte die Ost-West-Achse um eine Reihe von Museumsbauten erweitert werden, am Kupfergraben waren ein Weltkriegsmuseum und ein Rassekundemuseum nach Plänen des Architekten Wilhelm Kreis vorgesehen.
Ein 12 km langes Teilstück der Ost-West-Achse wurde zu Hitlers Geburtstag 1939 fertiggestellt. Die Siegessäule wurde vom Königsplatz vor dem Reichstag auf den Großen Stern versetzt und hierbei um 61⁄2 Meter erhöht. Da keine Beleuchtung die Straße überspannen sollte, entwarf Albert Speer eine Straßenbeleuchtung links und rechts der Straße, die heute noch teilweise vorhanden ist.
In der damaligen Presse wurde der Straßenzug in Anlehnung an altrömische Gepflogenheiten als Via Triumphalis bezeichnet.
Nord-Süd-Achse
Als eigentliche Prachtstraße war das Kernstück der 40 km langen Nord-Süd-Achse vorgesehen. Dieses sollte von einem neuen Nordbahnhof im Norden Moabits bis zu einem ebenfalls neuen Südbahnhof anstelle des heutigen Bahnhofs Südkreuz in Tempelhof reichen. Neben dem Nordbahnhof war ein ×ばつ 400 m großes Wasserbecken vorgesehen, in dem sich die Große Halle im Wasser widerspiegeln sollte. Wie die anderen geplanten Monumentalbauten waren auch die Bahnhöfe von ungekannter Dimension. Die Arbeiten zum Südbahnhof, für den die Reichsbahnbaudirektion bereits 1937 erste Entwürfe vorgelegt hatte, wurden ab ca. 1940 von Speer persönlich geleitet und waren bei der generellen Einstellung der Umgestaltungsplanungen im März 1943 fast bis zur Baureife abgeschlossen. Im August 1941 erteilte Speer die Anweisung, zu den geplanten 20 Parallelgleisen zwei weitere Gleise für die Einbindung der Breitspurbahn, eines anderen Lieblingsprojekts Hitlers, einzufügen.
„Große Halle" („Ruhmeshalle", „Halle des Volkes")
Im Spreebogen, etwas nördlich des Reichstages, war das wichtigste Gebäude der Germania-Planungen vorgesehen, die Große Halle. Das dem Pantheon in Rom nachempfundene Gebäude sollte eine Höhe von 290 Metern (vgl. G. Peters: Kleine Berliner Baugeschichte, S. 170) erreichen, der Innenraum einen Durchmesser von 250 Metern. Der im Inneren gedachte „Kultraum" sollte mehr als 150.000 Menschen[1] Platz bieten. Der Vorplatz der großen Halle sollte Adolf-Hitler-Platz heißen, eingefasst von zahlreichen wichtigen Verwaltungsgebäuden, darunter die neue Neue Reichskanzlei und das Reichstagsgebäude, verhältnismäßig klein im Vergleich zu den anderen Gebäuden. Die Kuppel dieses Gebäudes war so riesig geplant, dass sie mit damaliger Technik nicht hätte errichtet werden können. Trotzdem sollte sie 1950, wie auch die ganze Prachtstraße, fertiggestellt werden.
Auf der 120 m breiten Nord-Süd-Achse war bis zum Südbahnhof noch ein kolossaler Triumphbogen vorgesehen, der 117 m hoch und 170 m breit werden sollte, beschriftet mit den Namen aller im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten und geschmückt mit Reliefs von Arno Breker. Im Anschluss daran sollte die so genannte Beutewaffenallee einen triumphalen Abschluss bilden. Entlang der Nord-Süd-Achse sollten alle wichtigen Reichs- und Parteibehörden, sowie Firmenzentralen und kulturelle Einrichtungen angesiedelt werden.
Wehrtechnische Fakultät und Hochschulstadt
Im Grunewald, südwestlich des Olympiastadions wurde 1937 mit dem Bau der Wehrtechnischen Fakultät begonnen. Sie war als erster Teil einer großen Hochschulstadt geplant, die die Wehrtechnische Fakultät nach Westen fortsetzen sollte. Als Teil der Hochschulstadt war ein gigantisches, an das Parthenon erinnerndes Auditorium Maximum geplant. Ebenfalls in Planung war der große Neubau einer Universitätsklinik, die als Ersatz für die in der Stadt wegfallende Charité dienen sollte.
Die Wehrtechnische Fakultät ist nicht über einen Rohbau hinausgekommen, dessen Ruine nach dem Krieg mit Trümmerschutt überdeckt wurde. Heute liegt an dieser Stelle der 114,7 m ü. NN hohe Teufelsberg, nach jahrzehntelanger alliierter Nutzung ein Naherholungsgebiet. Der Trümmerschutt wurde mit tausenden von Bäumen bepflanzt, und von seiner Spitze haben die amerikanischen Streitkräfte jahrelang den Funkverkehr im Ostblock abgehört.
Südstadt
In Verlängerung der geplanten Nord-Süd-Achse war die so genannte Südstadt vorgesehen, hier sollten Wohnungen für ca. 210.000 Einwohner und Arbeitsplätze für ca. 100.000 Arbeiter gebaut werden. Der Autobahnring, der von der Generalbauinspektion vorgesehen war, um die Südstadt zu erreichen, wurde auch nach dem Krieg weitergebaut.
Heutige Überreste
Das früheste und größte Bauwerk der Germania-Pläne, das heute noch steht, ist das monumentale Olympiastadion, das nach den Olympischen Spielen ein Teil der Hochschulstadt werden sollte, sowie der Flughafen Tempelhof des Architekten Ernst Sagebiel, der bis zu 6 Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen sollte – 1934 waren es gerade einmal 200.000 Fluggäste. Das in der Folgezeit entstandene Flughafengebäude gehört, gemessen an der Bruttogeschossfläche von 284.000 m2, zu den drei größten Gebäuden der Welt (neben dem Pentagon in Washington (D.C.) und der Casă Poporului in Bukarest). Die meisten anderen Bauten des Projekts hingegen sind durch die immer stärkere Bindung aller Ressourcen in der Kriegsführung kaum über die Planungsphase hinaus gelangt.
Bevor Bauten von solch revolutionärer Größe wie der geplante Triumphbogen oder die Große Halle überhaupt in Angriff genommen werden konnten, musste eine Versuchsanlage zur Überprüfung der Tragfähigkeit des sandigen Berliner Bodens errichtet werden: der Schwerbelastungskörper. Dieser Bau besteht aus einem 18 Meter hohen und 12.650 Tonnen schweren Betonzylinder, der auf einem schmalen Sockel ruht und so die hohen Drücke auf den Boden simuliert, wie sie zum Beispiel durch die Große Halle entstanden wären. Durch langfristige Messungen am Sockel sollten mögliche Senkungen festgestellt werden.
Der Zylinder, im unteren Teil aus massivem Stahlbeton, im oberen Teil aus nichtarmiertem Gussbeton bestehend, konnte in der Nachkriegszeit wegen seiner Lage zwischen Bahnlinie und Wohnbebauung nicht gesprengt werden und ist daher auch heute noch an der Dudenstraße /General-Pape-Straße zu sehen. Nach dem Krieg wurde er noch lange Zeit von der Deutsche Forschungsgesellschaft für Bodenmechanik (DEGEBO) für Versuche genutzt. Seit 1995 ist er unter Denkmalschutz gestellt und wird zur Zeit restauriert.
Des Weiteren wurde im Tiergarten für das Achsenkreuz der Ost-West- und Nord-Süd-Achse ein System von Straßentunneln projektiert, um eine Verkehrsführung ohne Lichtsignalanlagen zu gewährleisten. Für die Rampen der Tunnel waren zur Vermeidung von Glatteisgefahr elektrische Heizsysteme vorgesehen. 1938 wurde eine unterirdische Bauvorleistung in Form von zwei Straßentunnelfragmenten errichtet, um ein erneutes Aufreißen der Ost-West-Achse zu vermeiden. Die genannten Tunnelfragmente sind heute noch vorhanden. Einige unterirdische Bauten wurden erst beim Bau des Tiergartentunnels entfernt.
Auch die im Verhältnis zum Gesamtprojekt Germania eher geringfügigen Umbauten der Charlottenburger Chaussee und der Standort der Siegessäule entsprechen nach wie vor der heutigen Situation.
Siehe auch
Fußnoten
- ↑ Speer, Albert: Erinnerungen, Taschenbuch, Ullstein, Neuausg. 2005, S. 88
Literatur
- Alexander Kropp: Die politische Bedeutung der NS-Repräsentationsarchitektur. Die Neugestaltungspläne Albert Speers für den Umbau Berlins zur „Welthauptstadt Germania" 1936–1942/43, Neuried, 2005, ISBN 3-89391-135-9
- Bernd Kuhlmann: Eisenbahn-Größenwahn in Berlin – Die Planungen von 1933 bis 1945 und deren Realisierung, GVE-Verlag, Berlin, 2005, ISBN 3-89218-093-8
- Hans J. Reichhardt, Wolfgang Schäche: Von Berlin nach Germania, Transit Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-88747-127-X
- Albert Speer: Erinnerungen, 1969, ISBN 3-54836-732-1
- Susanne Willems: Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau, Berlin 2000, ISBN 3-89468-259-0