Pluralismus (Politik)
Das Konzept des Pluralismus beschreibt die friedliche Koexistenz verschiedener Interessen, Ansichten und Lebensstile. Im Gegensatz zu totalitären Ideologien oder zum Partikularismus erkennt der Pluralismus die bestehenden unterschiedlichen Interessen an und betrachtet deren individuelle Verwirklichung, Vertretung und Artikulation als legitim und erwünscht.
Neben dem Konzept der Toleranz ist das Konzept der Minimalität des allgemeinsten Normensystems, das so genannte Subsidiaritätsprinzip, das wichtigste Grundprinzip eines politisch pluralistischen Systems: Alles, was nicht auf der allgemeinsten Ebene geregelt werden muss, soll zu entscheiden untergeordneten gesellschaftlichen Organisationen z.B. Religionsgemeinschaften und zuletzt oder gleich dem Individuum überlassen bleiben.
Damit stellt das Konzept des gesellschaftlichen Pluralismus neben Gewaltenteilung, verfassungsmäßig garantierten Grundrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie eine wesentliche Grundlage für eine freie Gesellschaftsordnung (Freiheitlich-Demokratische Grundordnung) dar. Ohne das Konzept des gesellschaftlichen Pluralismus könnten z.B. selbst in einer Demokratie die Lebensgestaltungsfreiheiten von Minderheiten durch Mehrheitsbeschlüsse bis auf die wesentlichen Grund- und Menschenrechte (vgl. Noachidische Gesetze) eingeschränkt werden.
Ein Wesensmerkmal und Errungenschaft pluralistischer Gesellschaften wie etwa der Bundesrepublik Deutschland ist daher die Freiheit, Parteien, Vereine und Verbände oder Religionen zu gründen oder solchen anzugehören (Koalitionsfreiheit). Die Interessen der autonomen gesellschaftlichen Gruppen können am wirkungsvollsten organisiert, also in Verbänden vertreten werden (siehe auch: Verband (Soziologie)).
Ein evtl. notwendiger Ausgleich der unterschiedlichen Interessen erfolgt als Diskurs und Diskussionsprozess mit der Möglichkeit formal geregelter Konflikte, an dessen Ende der Kompromiss oder Einsicht steht.
Voraussetzung ist, dass über die Spielregeln, unter denen der Konflikt der verschiedenen Interessen ausgetragen wird und die Teil des oben genannten, allgemeinsten Normensystems sind, ein einsehbarer Konsens besteht. Außerdem ist wichtig, dass kein relevantes Interesse vom „Markt des Ausgleichs" ausgeschlossen ist.
Neben diesem politischen und soziologischen Pluralismusbegriff gibt es einen davon abweichenden Pluralismus-Begriff in der Philosophie, der das völlig gleichberechtigte Nebeneinander(existieren) unterschiedlicher auch unvereinbarer Systeme, z.B. Normensysteme meint. Dieses philosophische Konzept beschreibt nicht wie der politische Pluralismusbegriff eine systemimmanente Eigenschaft übergeordneter (Normen-)Systeme. Vielmehr postuliert der philosophische Pluralismusbegriff die gänzlichen Abwesenheit eines (Meta-)Systems auf systemtranszendenter Ebene, das zwangsläufig einen Teil möglicher Untersysteme ausschliessen würde. Namentlich sind dieses alle Normensysteme, die eine oder mehrere Regeln enthalten, die Negationen mindestens einer Regel des Metasystems sind.
Ähnlich drückt Pluralismus in Bezug auf Glaubensrichtung die Gleichberechtigung aller Glaubensrichtungen und Religionen aus. Man kann danach in jeder davon sein Heil finden. Religiöser Pluralismus schließt aber auch Verzicht auf eine absolute Wahrheit ein. Entgegen dieser Vorstellung stehen Inklusivismus und Exklusivismus.
Die weitreichenden liberale Forderung des westlichen Kulturkreises nach politischem Pluralismus in möglichst vielen Gesellschaftssystemen weltweit steht interessanterweise zu dem allgemeineren philosophischen Pluralismus-Konzept im Widerspruch. So machte z.B. der wegen seiner Rechtfertigung der Röhm-Morde umstrittene Staatstheoretiker und Philosoph Carl Schmitt in seinen Werken deutlich, dass die Forderung nach politischem Pluralismus in allen politischen und gesellschaftlichen Systemen weltweit, einen Monismus, also gerade das Gegenteil von Pluralismus postuliert, wenn man das philosophische Konzept von Pluralismus auf systemtranszendenter Ebene der Gesellschafts- und Staatssysteme zugrundelegt.
Die Debatte um diese beiden unterschiedlichen Pluralismus-Begriffe ist heute der Kern des von Samuel Huntington postulierten, sogenannten „Clash of Civilizations": Während die westlichen Zivilisationen und ihre liberalen Regierungen vorgeblich den ersteren Pluralismus-Begriff für immer mehr Weltregionen durchzusetzen suchen, wird v.a. von Meinungsführern und Regierungspolitikern in asiatischen und islamischen Gesellschaften der Pluralismus im allgemeineren, philosophischen Sinne eingefordert, auf dessen Grundlage z.B. totalitäre, islamische Religionsstaaten gleichberechtigte Systeme gegenüber westlichen Demokratien seien. In der Geschichte dagegen kannte gerade der Islam lange Phasen des Pluralismus im ersteren Sinne, während zeitgleich westliche Zivilisationen in apluralistischer Barbarei versanken - Stichworte: Kreuzzüge, Memor-Bücher, Reconquista.