Newsnational Montag, 17.08.2026 | Drucken

Zum Gedenktag des Genozids an den Êzîden - Eine Standortbestimmung von Aiman Mazyek

Parlamentsbeschlüsse und wohlfeile Appelle dürfen nicht zu bloßen Absichtserklärungen werden, sie müssen praktisches und politisches Handeln nachsich ziehen

Berlin – Bei der Gedenkveranstaltung zum zwölften Jahrestag des Genozids an den Êzîden in der Hessischen Landesvertretung in Berlin am 03.08.2026 stand neben der Erinnerung an die Verbrechen des sogenannten „Islamischen Staates" (Daesch/IS) auch die Frage nach der politischen Verantwortung gegenüber den Êzîden im Mittelpunkt. Der Bundesvorsitzende des Zentralrats der Êzîden, Dr. Irfan Ortac, verband in seiner Rede die Erinnerung an den Genozid mit Forderungen an den Irak, Deutschland und die internationale Gemeinschaft. Ortac erinnerte daran, dass der IS am 3. August 2014 die êzîdische Region Shingal im Irak angegriffen hatte. Tausende Menschen wurden getötet, verschleppt und vertrieben. Noch heute können viele Êzîden nicht in ihre Heimat zurückkehren. Der Wiederaufbau Shingals sei, so Ortac, „keine Wohltat", sondern eine staatliche Verpflichtung. Auch Deutschland nahm Ortac ausdrücklich in die Verantwortung. Der Bundestag hatte den Genozid an den Êzîden im Januar 2023 anerkannt und einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Aufarbeitung der Verbrechen, zum Schutz der Überlebenden und zur Stärkung der Erinnerungskultur beschlossen. Ortac kritisierte, dass diese Beschlüsse nach seiner Einschätzung bislang nicht vollständig umgesetzt worden seien. „Parlamentsbeschlüsse dürfen nicht zu bloßen Absichtserklärungen werden. Sie müssen politisches Handeln nach sich ziehen", sagte der Zentralratsvorsitzende. Eine zentrale Forderung des Zentralrats ist die Einrichtung eines nationalen Gedenk- und Dokumentationszentrums für die êzîdischen Genozide in Deutschland. Ortac forderte die Bundesregierung auf, das Vorhaben noch in diesem Jahr auf den Weg zu bringen. Erinnerung, so seine Botschaft, müsse mit konkreter Verantwortung verbunden sein.

Der Wiederaufbau Shingals sei, so Ortac, „keine Wohltat", sondern eine staatliche Verpflichtung. Auch Deutschland nahm Ortac ausdrücklich in die Verantwortung"

"Auch Syrien kann Zeichen setzen"

Ortac richtete auch den Blick auf Syrien. Auch die Entwicklungen dort verdienen besondere Aufmerksamkeit. Zwar ist die Zahl der Êzîden in Syrien im Vergleich zur êzîdischen Diaspora in Deutschland und insbesondere zu den aus dem Irak stammenden Êzîden überschaubar. Ihre politische und gesellschaftliche Symbolkraft ist dennoch erheblich. Gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen im Irak stellt sich für Syrien die Frage, wie der Staat künftig mit religiösen und ethnischen Minderheiten umgehen will. Das sicherlich auch durch die Golfkriege arg geschwächte Irak hat durch sein staatliches Versagen beim Schutz der Êzîden vor dem Genozid durch den DAESH von 2014 nicht nur unermessliches Leid verursacht. Es hat auch bei vielen Êzîden zu einem tiefen und bis heute wirkenden Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Institutionen in der muslimischen Welt geführt. Syrien hat deshalb die Möglichkeit, ein anderes Signal zu setzen. Eine ausdrückliche rechtliche Anerkennung und Absicherung der Êzîden – etwa durch ein staatliches Dekret oder eine vergleichbare Regelung (siehe das kurdische Dekret) – könnte aus meiner Sicht an die bereits erkennbare politische Öffnung gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen anknüpfen. Ein solcher Schritt wäre mehr als eine symbolische Geste. Er könnte zeigen, dass der syrische Staat seine Verantwortung für alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig von Religion oder ethnischer Zugehörigkeit wahrnimmt. Gerade für die Êzîden wäre dies von großer Bedeutung. Viele von ihnen leben in Deutschland und sind als Geflüchtete aus Syrien gekommen; sie besitzen weiterhin einen syrischen Pass. Vertrauen entsteht nicht allein durch politische Erklärungen, sondern durch nachvollziehbare und dauerhafte staatliche Garantien. Ein solcher Schritt könnte damit auch die Debatte über eine mögliche spätere Rückkehr êzîdischer Geflüchteter positiv beeinflussen. Voraussetzung für jede freiwillige Rückkehr ist aus meiner Sicht das Vertrauen darauf, dass der Staat seine Bürger schützt. Damit verbindet sich die aktuelle Situation in Syrien unmittelbar mit der Botschaft der Berliner Gedenkveranstaltung: Erinnerung darf nicht bei der Rückschau stehen bleiben. Sie muss Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft haben. Der Umgang mit den Êzîden kann dabei zu einem wichtigen Prüfstein für den syrischen Staat werden.

Dr. Irfan Ortac formulierte in Berlin den Anspruch der êzîdischen Gemeinschaft mit Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft gleichermaßen: „Erinnerung ist keine Geste gegenüber der Vergangenheit. Sie ist Verantwortung gegenüber der Zukunft", sagte er. Diese Verantwortung stellt sich nicht nur in Deutschland und im Irak. Sie stellt sich auch in Syrien. Gerade dort besteht jetzt die Chance, aus den Erfahrungen der Vergangenheit Konsequenzen zu ziehen und den Êzîden ein klares Signal staatlicher Anerkennung, Sicherheit und Zugehörigkeit zu geben.

Autor:Aiman Mazyek, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, war bei der Veranstaltung anwesend. Mazyek wurde in Deutschland geboren. Sein Vater stammt aus Aleppo in Syrien, seine Mutter aus Freiburg.





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