Newsnational Donnerstag, 02.07.2026 | Drucken

"Ausländer" sind keine Sozialschmarotzer sondern tragende Säulen der deutschen Wirtschaft

Zuwanderung stützt den deutschen Arbeitsmarkt – doch die Integration muss besser werden. Branchen ohne Zuwanderung vor dem Kollaps

Gütersloh, 2. Juli 2026. Die deutsche Wirtschaft steht vor einem demografischen Kipppunkt: Ohne die kontinuierliche Zuwanderung von Arbeitskräften wäre das hiesige Beschäftigungssystem bereits jetzt nicht mehr handlungsfähig. Aktuelle Daten der Bertelsmann Stiftung belegen, dass der Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr nur durch die gestiegene Zahl ausländischer Beschäftigter stabil gehalten werden konnte. Während die Zahl der deutschen Beschäftigten um 269.000 auf knapp 29 Millionen sank, stieg der Anteil der ausländischen Arbeitnehmer:innen um 194.000 auf über 5,9 Millionen. Unterm Strich resultiert daraus ein Minus von 75.000 Beschäftigten innerhalb eines Jahres – eine Lücke, die nur durch weitere Zuwanderung und vor allem durch bessere Integration geschlossen werden kann.

Die Abhängigkeit ist in vielen Bereichen bereits existentiell. In Reinigungsberufen hat mittlerweile fast die Hälfte der Beschäftigten (47,5 Prozent) eine ausländische Staatsangehörigkeit. In der Lebensmittelherstellung sind es 44 Prozent, in Tourismus und Gastronomie 36 Prozent. Selbst im Engpassberuf Pflege, der für die Versorgung der alternden Gesellschaft essenziell ist, kommt mehr als jede:r fünfte Beschäftigte aus dem Ausland. Diese Zahlen werden sich in den kommenden Jahren noch verstärken. Während mehr als jeder vierte deutsche Beschäftigte älter als 55 Jahre ist und in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand geht, liegt der Anteil der über 55-Jährigen bei ausländischen Arbeitskräften bei nur gut zwölf Prozent. "Ohne Zuwanderung in beträchtlicher Höhe geraten viele Branchen in Schwierigkeiten. Wer den Wohlstand unserer Gesellschaft bewahren will, muss die Integration von Zugewanderten verbessern", warnt Tobias Ortmann, Arbeitsmarktexperte der Stiftung. Die Debatte um Zuwanderung müsse endlich versachlicht werden, so Ortmann, denn trotz Stellenabbaus in einigen Sektoren gebe es weiterhin über eine Million offene Stellen.


"Ohne Zuwanderung in beträchtlicher Höhe geraten viele Branchen in Schwierigkeiten. Wer den Wohlstand unserer Gesellschaft bewahren will, muss die Integration von Zugewanderten verbessern"

Die Analyse zeigt jedoch große Unterschiede innerhalb der Gruppe der Zugewanderten. Während rund zwei Drittel der deutschen Frauen und Männer sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, liegt der Anteil bei ausländischen Männern nur bei 59 Prozent und bei ausländischen Frauen bei lediglich 45 Prozent. Besonders dramatisch ist die Kluft bei Geflüchteten aus Asylherkunftsländern: Acht Jahre nach der Ankunft sind 73 Prozent der Männer beschäftigt – sogar mehr als der deutsche Durchschnitt. Bei geflüchteten Frauen hingegen stagniert die Quote bei erschreckend niedrigen 31 Prozent.

Ein weiteres großes Problem ist die mangelhafte Nutzung vorhandener Qualifikationen. Während 63 Prozent der deutschen Beschäftigten einen Berufsabschluss vorweisen können, sind es bei ausländischen Beschäftigten nur halb so viele (31 Prozent). Besonders prekär ist die Situation bei Menschen aus Asylherkunftsländern: 44 Prozent von ihnen sind ohne jeglichen Berufsabschluss. Die Folge ist eine fatale Unterbeschäftigung: 36 Prozent der ausländischen Beschäftigten arbeiten als Helfer:innen, obwohl sie oft höher qualifiziert sind. Selbst unter den ausländischen Arbeitnehmer:innen mit anerkanntem Berufsabschluss arbeitet fast ein Drittel unterhalb ihres Niveaus. Bei Geflüchteten mit Studienabschluss ist es sogar noch jede:r Fünfte. "Diese Fehlallokation kostet nicht nur die Betroffenen Einkommen, sondern raubt der Wirtschaft dringend benötigte Fachkräfte", so die Autoren des Papiers.

Positiv ist zwar, dass der Bezug von Grundsicherung insgesamt rückläufig ist – bei Menschen aus Asylherkunftsländern sank die Quote seit 2020 von 58,2 auf 39,6 Prozent, bei Ukrainer:innen seit 2023 von 64 auf 52 Prozent. Dennoch stocken 21,3 Prozent der Leistungsbeziehenden ihren Lohn mit Bürgergeld auf, was auf prekäre Beschäftigungsverhältnisse hinweist. Hier fordert die Studie konsequentere Vermittlung in existenzsichernde Arbeit sowie gezielte Prüfungen bei Missbrauchsverdacht.

Die zentralen Schlüssel für eine erfolgreiche Integration bleiben jedoch die deutsche Sprache und die Anerkennung von Abschlüssen. Gute Deutschkenntnisse erhöhen die Chance auf Arbeit enorm, besonders für Frauen. Die Sprachförderung müsse verlässlich finanziert, mit Kinderbetreuung verknüpft und berufsbegleitend möglich sein. Ebenso dringend ist die Reform der Anerkennungsverfahren. Unterschiedliche Zuständigkeiten führen zu langen Wartezeiten und oft nur zu Teilanerkennungen. Die Experten fordern deshalb schnellere Nachqualifizierungen, den verstärkten Einsatz von Kompetenzfeststellungen bei fehlenden Dokumenten und vor allem eine zentrale Anlaufstelle für Integration in Arbeit. "Es braucht ein One-Stop-System, das Sprache, Behördenprozesse und Kinderbetreuung als durchgängige Integrationskette begreift", fordert Roman Wink von der Bertelsmann Stiftung. Nur so könne die Zuwanderung langfristig nicht nur die Lücken stopfen, sondern den Wohlstand Deutschlands aktiv sichern.





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