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Montag, 29.06.2026 | Drucken
Zukunft eines der bedeutendsten Archive des internationalen Völkerstrafrechts steht vor dem Aus?
Niederlande, die eine Mitverantwortung am Massakar von Srebenica tragen, drücken sich vor der Verantwortung und wollen keine Unzerstützung leisten
Drei Jahrzehnte nach dem Völkermord von Srebrenica - steht nicht nur die Erinnerung an die Opfer im Mittelpunkt, sondern auch die Zukunft eines der bedeutendsten Archive des internationalen Völkerstrafrechts. Die umfangreiche Sammlung des ehemaligen UN-Kriegsverbrechertribunals für das frühere Jugoslawien könnte schon bald ihren bisherigen Standort in Den Haag verlassen – eine Entwicklung, die Historiker, Juristen und Opferverbände mit Sorge beobachten.Das Archiv dokumentiert die juristische Aufarbeitung der Balkankriege der 1990er-Jahre.
Nach Angaben des International Residual Mechanism for Criminal Tribunals (IRMCT) umfasst es rund 6.000 laufende Meter Akten sowie etwa 1,7 Petabyte digitale Daten. Hinzu kommen tausende Beweisstücke – von militärischen Dokumenten über Videoaufnahmen bis hin zu Waffen und Karten. Die Unterlagen bildeten die Grundlage für Verfahren gegen führende Verantwortliche wie Radovan Karadžić und Ratko Mladić, die wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden.Wie der Spiegel berichtet, suchen die Vereinten Nationen derzeit nach einem neuen dauerhaften Standort für das Archiv. Hintergrund sind das auslaufende Mandat des IRMCT sowie finanzielle Zwänge innerhalb der UN. Gleichzeitig signalisierten die Niederlande, dass sie das Gebäude des ehemaligen Tribunals langfristig anderweitig nutzen wollen und sich nicht dauerhaft für die Unterbringung der Sammlung verantwortlich sehen (vgl. Trenkler 2026).Für viele Betroffene geht es dabei um weit mehr als um Lagerkapazitäten. Das Archiv dient bis heute als Arbeitsgrundlage für Staatsanwaltschaften in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Ermittler greifen regelmäßig auf Akten und Beweismittel zurück, um noch nicht abgeschlossene Verfahren wegen Kriegsverbrechen weiterzuführen.
Über mehrere Tage – im Kern vom 11. bis zum 19. Juli 1995 – verübten Soldaten der Armee der Republika Srpska (Vojska Republike Srpske, VRS), der Polizei und des serbischen Paramilitärs unter der Führung von Ratko Mladić, verteilt auf eine Vielzahl von Tatorten in der Nähe von Srebrenica, den Mord an mehr als 8000 (zum größten Teil männlich-muslimische) Bosniaken. In Srebrenica befanden sich 400 bis 450 leicht bewaffnete niederländische Blauhelm-Soldaten, die nichts taten
Auch Angehörige von Opfern nutzen die Bestände, um Informationen über vermisste Familienmitglieder oder die letzten Lebensumstände ihrer Verwandten zu erhalten.Besondere Aufmerksamkeit gilt den sensiblen Zeugenaussagen. Viele Menschen riskierten während der Prozesse ihre Sicherheit, um gegen politische und militärische Führungsfiguren auszusagen. IRMCT-Verwaltungschef Abubacarr Tambadou betonte gegenüber dem Spiegel, diese Stimmen müssten dauerhaft geschützt werden. Das Archiv bestehe nicht nur aus Akten und Computern, sondern trage auch eine große emotionale Verantwortung gegenüber Überlebenden und Hinterbliebenen.Als möglicher neuer Standort gilt unter anderem Genf. Fachleute sehen darin Vorteile, weil dort bereits zahlreiche Einrichtungen der Vereinten Nationen angesiedelt sind und die politische Neutralität als vergleichsweise hoch gilt. Dagegen betrachten viele Experten eine Verlagerung in Staaten des ehemaligen Jugoslawiens kritisch. In Teilen der Region werden bis heute Kriegsverbrechen relativiert oder geleugnet, während verurteilte Kriegsverbrecher teilweise noch immer öffentlich verehrt werden.Auch die Niederlande stehen in der Debatte unter besonderer Beobachtung. Das Land setzt sich seit Jahren mit seiner Rolle während des Massakers von Srebrenica auseinander, als niederländische UN-Blauhelme den Schutz der Bevölkerung nicht gewährleisten konnten. Vor diesem Hintergrund fordern zahlreiche Historiker und Opferverbände, zumindest einen Teil des ehemaligen Tribunalgebäudes dauerhaft als Gedenk- und Dokumentationszentrum zu erhalten.Die Entscheidung über die Zukunft des Archivs ist deshalb weit mehr als eine organisatorische Frage. Sie berührt den Umgang der internationalen Gemeinschaft mit ihrer historischen Verantwortung. Denn die gesammelten Beweise dokumentieren nicht nur vergangene Verbrechen – sie bilden zugleich die Grundlage dafür, dass Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit auch für kommende Generationen erhalten bleiben.
Quelle: Anastasia Trenkler: „Wohin mit den Beweisen für ein Jahrhundertverbrechen?", DER SPIEGEL, 24.06.2026.
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