Newsnational Montag, 15.06.2026 | Drucken

Fußball und Menschenrechte: Schauplatz selektiver Empörung

Die Weltmeisterschaft rollt wieder - auch in Deutschland. Zeit also für die wichtigste Nebensache der Welt


Wenn eine Fußball-WM beginnt, verwandelt sich das Land zuverlässig in eine Mischung aus Taktikexperten, Schiedsrichterkritikern und Bundestrainern. Plötzlich wird wieder über Viererkette, Pressing und die richtige Aufstellung diskutiert, als hätte man die vergangenen zwei Jahre ausschließlich in Trainerlehrgängen verbracht. Heute greift Deutschland ins Turniergeschehen ein – und wie immer geht es um mehr als nur 90 Minuten Fußball.

Die Nationalmannschaft erzählt längst auch etwas über das Land, das sie repräsentiert. Wer einen Blick auf die Geschichte wirft, erkennt: Die deutsche Elf ist in den vergangenen Jahrzehnten vielfältiger geworden – und zwar deutlich. Nach Zahlen des Mediendienstes Integration hatten bei vielen großen Turnieren der vergangenen Jahre mehr als ein Drittel der deutschen Nationalspieler einen Migrationshintergrund.

Bei der WM 2010 in Südafrika lag der Anteil sogar bei knapp der Hälfte des Kaders. Nationalspieler mit familiären Wurzeln in der Türkei, Polen, Ghana, Tunesien oder Nigeria sind längst keine Ausnahme mehr, sondern Normalität. Das ist eigentlich keine Überraschung. Deutschland hat sich verändert, und der Fußball war oft schneller als die Politik. Während andernorts noch über Integration gestritten wurde, spielten auf den Bolzplätzen längst Kinder unterschiedlichster Herkunft zusammen. Der Fußball machte vor, was in Sonntagsreden oft beschworen wird: Wer kicken kann, spielt mit. Natürlich verlief dieser Wandel nicht geräuschlos. Namen wie Mesut Özil, Jérôme Boateng oder İlkay Gündoğan wurden nicht nur sportlich diskutiert. Immer wieder entbrannten Debatten darüber, wer „wirklich deutsch" sei. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung die Vielfalt in der Nationalmannschaft positiv bewertet. Zwei Drittel der Befragten finden es gut, dass heute viele Spieler mit Migrationshintergrund für Deutschland auflaufen. Und vielleicht liegt genau darin eine der großen Stärken des Fußballs: Er macht sichtbar, wie ein modernes Deutschland aussieht. Nicht perfekt, nicht konfliktfrei, aber vielfältig. Wer heute das DFB-Trikot trägt, hat oft Familiengeschichten, die in Ankara, Warschau, Accra oder Tunis beginnen und in Gelsenkirchen, Berlin oder Stuttgart weitergehen. Entscheidend ist am Ende nicht die Herkunft der Großeltern, sondern ob der Pass ankommt. Wenn also der Anpfiff ertönt, werden Millionen wieder hoffen, zittern und schimpfen. Manche werden die Hände über vergebene Großchancen über dem Kopf zusammenschlagen, andere den Fernseher anbrüllen, als könnten sie das Spielgeschehen beeinflussen. Fußball eben. Und während der Ball über den Rasen rollt, zeigt die Nationalmannschaft ganz nebenbei, wie Deutschland im Jahr 2026 aussieht: vielfältig, manchmal widersprüchlich, oft diskutiert – aber gemeinsam auf dem Platz. Für Punkte gibt es dafür zwar nichts. Für ein ziemlich treffendes Bild der Gesellschaft schon.

Die Debatte über Nationalspieler mit Migrationshintergrund wird allerdings bis heute von rassistischen Untertönen begleitet. Immer wieder geraten Spieler nicht wegen ihrer Leistung, sondern wegen ihrer Herkunft, ihres Namens oder ihrer Religion in den Fokus. Gewinnen sie, gelten sie als deutsche Helden. Verlieren sie, wird ihre Zugehörigkeit plötzlich infrage gestellt. Die Diskussion über Vielfalt im Fußball zeigt deshalb nicht nur, wie sich Deutschland verändert hat, sondern auch, dass Fragen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung längst nicht überwunden sind.

Bei der WM 2022 in Katar wurde übrigens von der deutschen Nationalmannschaft erwartet, Haltung zu zeigen. Menschenrechte, Meinungsfreiheit und die Situation von Minderheiten waren da Themen. Spieler, Funktionäre und Medien betonten damals, Fußball dürfe nicht unpolitisch sein. Auffällig ist jedoch, wie unterschiedlich politische Maßstäbe angewendet werden. Heute findet die WM in einer Zeit statt, in der der Nahe Osten erneut von Krieg, Gewalt und schweren Menschenrechtsvorwürfen geprägt ist. Gastgeberland USA hat einen völkerrechtwidrigen Krieg zusammen mit Isarel angezettelt und bekleckert sich sonst auch nicht mit Ruhm im Rahmen der Organisation der WM: Rauschmiss des FIFA-Schiedsrichters aus Somalia, diskriminierende Behandlung von Fußballspielern bei der Einreise etc.- Der völkerrechtswidrige Angriff auf Iran, ICE und ihre Behandlung der eigenen Bevölkerung sowie die Folgen militärischer Konflikte in der Region wären eigentlich Themen, die dieselbe Aufmerksamkeit verdienen müssten wie einst die Debatten über Katar. Doch viele der lautesten Stimmen von damals wirken heute bemerkenswert zurückhaltend. Das bedeutet nicht, dass Fußballer jede internationale Krise kommentieren müssen. Wer jedoch fordert, dass Sport sich nicht aus der Politik per se raushalten kann, muss diesen Maßstab konsequent anwenden. Menschenrechte sind kein Thema für einzelne Turniere und keine Frage politischer Sympathien. Kritik verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie nur dort laut wird, wo sie gesellschaftlich bequem ist. Genau darin liegt der Vorwurf der Doppelmoral: Nicht darin, dass man Missstände kritisiert, sondern darin, dass man vergleichbare Missstände unterschiedlich bewertet. Fußball kann politische Debatten nicht lösen – sollte aber auch nicht zum Schauplatz selektiver Empörung werden.



























































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