islam.de - Druckdokument - Druckdatum: Sonntag, 23.08.26
https://www.islam.de/35992.php
islam.de - Alle Rechte vorbehalten
Dienstag, 09.06.2026
Türkei gewinnt an Einfluss im Nahen Osten
Viele Golfstaaten suchen zunehmend nach zusätzlichen Partnern, um ihre Abhängigkeit von Washington zu reduzieren
Der Krieg USA und Israel gegen den Iran verändert die geopolitische Landschaft des Nahen Ostens nachhaltig. Während viele Staaten der Region mit den Folgen der militärischen Auseinandersetzungen und den daraus resultierenden wirtschaftlichen sowie sicherheitspolitischen Risiken kämpfen, könnte sich für die Türkei eine strategische Chance ergeben. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse des britischen Thinktanks Chatham House. Aus türkischer Sicht wäre ein Zusammenbruch des iranischen Staates das schlimmste Szenario gewesen. Die Regierung befürchtete, dass ein Machtvakuum in Iran langanhaltende Instabilität, neue Stellvertreterkonflikte, Flüchtlingsbewegungen und eine Verschärfung der Kurdenfrage auslösen könnte. Bislang habe jedoch die Widerstandsfähigkeit Irans verhindert, dass sich diese Befürchtungen verwirklichen. Gleichzeitig sieht die Türkei neue Herausforderungen im Persischen Golf. Besonders kritisch betrachtet Ankara die von Iran eingeführten Regelungen für den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus. Die türkische Regierung warnt davor, dass Teheran dadurch erheblichen Einfluss auf die Sicherheit und Wirtschaft der Golfstaaten gewinnen könnte. Trotz dieser Risiken eröffnet die neue Lage der Türkei auch bedeutende Chancen. Ein zentraler Bereich ist die Verteidigungsindustrie. Viele Golfstaaten setzen zwar weiterhin auf den militärischen Schutz der USA, suchen jedoch zunehmend nach zusätzlichen Partnern, um ihre Abhängigkeit von Washington zu reduzieren. Die Türkei profitiert von dieser Entwicklung durch ihre wachsende Rüstungsindustrie und ihre gleichzeitig guten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Experten erwarten deshalb eine Ausweitung von Waffenexporten, gemeinsamen Produktionsprojekten und Technologiepartnerschaften zwischen Ankara und den Staaten des Golfkooperationsrates.
Darüber hinaus könnte die Türkei von einer Neuordnung internationaler Handels- und Transportwege profitieren. Die Unsicherheiten rund um die Straße von Hormus haben die Suche nach alternativen Handelskorridoren beschleunigt. Ankara spielt bereits eine wichtige Rolle bei Infrastrukturprojekten wie der „Development Road" durch den Irak sowie dem sogenannten „Middle Corridor", der Asien und Europa verbindet. Beide Projekte gewinnen angesichts der aktuellen Krisen an strategischer Bedeutung. Auch diplomatisch baut die Türkei ihre Position aus. Neue regionale Formate, etwa die Zusammenarbeit mit Pakistan, Saudi-Arabien und Ägypten, sollen die Nachkriegsordnung im Nahen Osten mitgestalten. Dabei versucht Ankara, sich als Vermittler und zugleich als zentrale regionale Macht zu etablieren. Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass der Iran-Krieg die politischen und wirtschaftlichen Strukturen des Nahen Ostens grundlegend verändert. Zwar sei noch offen, welche Staaten langfristig zu den Gewinnern oder Verlierern dieser Entwicklung gehören werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Türkei ihren regionalen Einfluss deutlich ausbauen kann, gilt jedoch als hoch.
Quelle
: Artikel „As Iran war reshapes the Middle East, Turkey’s regional role looks set to expand" von
Chatham House, verfasst von Galip Dalay, veröffentlicht am 5. Juni 2026.