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Donnerstag, 21.05.2026
Kwesi Pratt: Reparationen aus der Kolonialzeit als Kampf um eine neue Weltordnung
UN-Generalversammlung: Transatlantische Sklavenhandel als schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit123 Staaten stimmten zu, während die USA, Israel und Argentinien dagegen votierten, die EU enthielt sich
Im Gespräch mit der Zeitung „Jacobin" beschreibt der ghanaische Journalist Kwesi Pratt Jr. den transatlantischen Sklavenhandel nicht als abgeschlossenes historisches Verbrechen, sondern als Grundlage heutiger globaler Ungleichheit. Sein Kernargument: Afrika leide bis heute unter den Folgen von Sklaverei, Kolonialismus und Neokolonialismus. Es gehe dabei nicht nur um den Verlust von Millionen Menschen, sondern auch um zerstörte gesellschaftliche Entwicklung, verlorenes Wissen und wirtschaftliche Abhängigkeit. Ausgangspunkt des Interviews ist eine Resolution, die Ghanas Präsident John Dramani Mahama 2026 in die UN-Generalversammlung einbrachte. Darin wurde der transatlantische Sklavenhandel als schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Unterstützt wurde die Initiative von Afrikanischer Union und CARICOM; 123 Staaten stimmten zu, während die USA, Israel und Argentinien dagegen votierten, die EU enthielt sich.
Pratt bewertet das als symbolisch wichtigen Schritt, betont aber, dass UN-Resolutionen allein wenig verändert. Pratt argumentiert, dass koloniale Ausbeutung bis heute in Infrastruktur und Wirtschaft sichtbar sei. Als Beispiel nennt er afrikanische Eisenbahnsysteme, die historisch nicht für innerafrikanische Entwicklung gebaut worden seien, sondern vor allem für den Abtransport von Rohstoffen in Häfen. Wertschöpfung sei dadurch außerhalb Afrikas entstanden, während viele afrikanische Staaten in Abhängigkeit blieben Reparationen versteht Pratt ausdrücklich nicht primär als Geldfrage. Kein finanzieller Ausgleich könne die historischen Schäden „wiedergutmachen". Für ihn bedeutet reparative Gerechtigkeit vielmehr eine Umgestaltung internationaler Machtverhältnisse: Reformen der UN, der Weltbank, des IWF und anderer Institutionen, die aus seiner Sicht von kolonialen Machtstrukturen geprägt seien. Seine politische Schlussfolgerung ist offen ideologisch: Pratt sieht Sozialismus als einzigen Weg für Afrika, sich aus Ausbeutung und externer Abhängigkeit zu lösen. Entwicklung dürfe nicht auf westlicher Expansion beruhen, sondern auf kollektiver Selbstversorgung, Nutzung eigener Ressourcen und Produktion für gesellschaftliche Bedürfnisse. Am Ende verbindet er die Reparationsfrage mit breiterer Mobilisierung: Rückgabe geraubter kultureller und menschlicher Überreste, Neubewertung afrikanischer Geschichte sowie politische und wirtschaftliche Selbstbestimmung. Reparationen erscheinen im Interview deshalb weniger als Entschädigungsforderung als als Teil eines umfassenden antikolonialen Projekts.
Quelle
: Jacobin, „Kein Geld der Welt kann den Schaden des Sklavenhandels wiedergutmachen", Interview mit Kwesi Pratt Jr., 19. Mai 2026. (
JACOBIN Magazin)