Es ist kurz vor Ostern, ein ICE ist voll mit Reisenden auf dem Weg von Köln nach Frankfurt. Ein Mann schließt sich auf der Zugtoilette ein, wirft Böller in den Gang, bedroht Fahrgäste, wird später mit einem Messer im Rucksack festgenommen. Zwölf Menschen erleiden Verletzungen. Die Bundespolizei spricht von einem „Tatverdächtigen", die Medien von einem „Zwischenfall", von „Softair-Böllern", von „leichten, oberflächlichen Hautverletzungen".Dasselbe Geschehen – aber wäre der Täter nicht deutsch, hieße es in vielen Redaktionen längst: „Terror im ICE", „Anschlagsversuch", „IS-Motiv nicht ausgeschlossen". Das ist kein Gefühl, das ist ein dokumentiertes Muster. Der aktuelle Fall liefert einen besonders deutlichen Beleg: Der Täter ist deutsch. Das wird in der Berichterstattung schnell klar. Und siehe da – die Wortwahl bleibt deeskalierend. Ein „Vorfall". Kein „Anschlag". Dabei sind zwölf Menschen verletzt worden, es gab eine Detonation, eine Bedrohungslage in einem vollen Zug. Der Terror lösste NRW-weiten Grossarlam aus – über Stunden waren Strecken und Bahnhof nicht befahrbar.
Die objektive Gefahr unterscheidet sich in keiner Weise von einem Fall, bei dem der Täter einen ausländisch klingenden Namen hätte. Die mediale Asymmetrie ist aber verheerend: Wer als „deutsch" gelesen wird, bekommt Einzelfall-, Psychiatrie- oder Böller-Rhetorik. Wer als „nicht deutsch" oder „mit Migrationshintergrund" gelesen wird, bekommt Terror-, Gefährder- oder Systembedrohungs-Rhetorik – selbst bei geringerer Schadenswirkung. Die Folgen sind absehbar: Das Vertrauen in die Medien schwindet. Weil das Publikum genau sieht, dass nicht die Tat, sondern die Herkunft des Täters über die Sprache entscheidet. Wer so berichtet, darf sich nicht wundern, wenn ihm Voreingenommenheit und mangelnde Objektivität vorgeworfen werden.