Newsnational
Dienstag, 10.03.2026 | Drucken
Hessen vor Kommunalwahl: Warum muslimische Teilhabe unsere Städte stärkt
Stadtbild als Ausdruck von Zugehörigkeit - "Meine Stimme zählt" - Muslimisches Engagement versus Vorurteile und Rassismus
In Zeiten zugespitzter Debatten über Stadtbild, Zugehörigkeit und den Platz von Religion im öffentlichen Raum rückt eine Frage immer stärker in den Mittelpunkt: Wer gestaltet unsere Städte – und wer wird dabei gehört? Gerade im Vorfeld der Kommunalwahlen in Hessen zeigt sich, dass Demokratie nicht abstrakt verhandelt wird, sondern vor Ort, im Alltag, in den Gemeinden.Eine Veranstaltung im Frankfurter Nordwestzentrum machte dies am 8. Februar 2026 auf besondere Weise erlebbar. Unter dem Titel "Stimmen der Stadt – Dialogveranstaltung" lud der SPD-Kommunalpolitiker Mustapha Lamjahdi, Kandidat für die Stadtverordnetenversammlung, an diesem Sonntagnachmittag in den Saalbau Titus Forum ein. Das Motto des Nachmittags: "Unser Stadtbild, unsere Stimmen – Teilhabe · Demokratie · Zusammenhalt".
Der Nachmittag verband auf ungewöhnliche Weise Kunst, Politik und Begegnung. Zwischen Spoken Word, Comedy und politischen Impulsen entstand ein Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen konnten – und genau das war auch die Absicht. "Worte, die berühren. Gedanken, die bewegen. Humor, der verbindet", so beschrieb das Organisationsteam das Programm, das neben den künstlerischen Beiträgen auch reichlich Gelegenheit zum Austausch bot. Im Foyer erwartete die Gäste eine offene Atmosphäre mit Ständen zu gesellschaftlichen Themen, Gesundheit und Ernährung sowie alkoholfreien Cocktails und Gebäck – ein Rahmen, der zum Verweilen und ins Gespräch kommen einlud.Die Liste der Mitwirkenden spiegelte die Vielfalt wider, um die es an diesem Nachmittag ging. Als Ehrengäste konnten der Bundestagsabgeordnete Armand Zorn (SPD) sowie Mustapha Lamjahdi und Abdennasser Gannoukh von der TUN Moschee begrüßt werden.
Den zentralen Impuls des Nachmittags setzte Aladdin Beiersdorf-El Schallah, Generalsekretär des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD). Der gebürtige Bonner mit syrischen Wurzeln ist seit Ende 2025 Generalsekretär des ZMD und in dieser Funktion gemeinsam mit dem Vorsitzenden Abdassamad El Yazidi für die deutsche Religionsgemeinchaft des Dachverbandes tätig, dem 24 Mitgliedsorganisationen mit etwa 300 Gemeinden angehören.
Der Islamwissenschaftler und Medizininformatiker, der Ende November 2024 wegen der Nahostpolitik und des Rechtsrucks in der Migrationsdebatte aus der CDU ausgetreten war, vertritt in seiner neuen Funktion einen Verband, der sich zunehmend deutlich in gesellschaftspolitische Debatten einmischt – stets mit dem Ziel, muslimisches Leben als selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft sichtbar zu machen.
Zentraler Impuls des Nachmittags setzte Aladdin Beiersdorf-El Schallah
In seiner Rede ging es Beiersdorf-El Schallah nicht darum, Parteien zu empfehlen oder Programme zu bewerten. Vielmehr ordnete er grundlegend ein, was demokratische Teilhabe heute bedeutet, welche Rolle muslimische Bürgerinnen und Bürger dabei spielen und warum er die Verantwortung zur Beteiligung ausdrücklich auch bei Musliminnen und Muslimen selbst sieht.
Schon zu Beginn machte der Generalsekretär deutlich, worum es ihm ging. Mit Blick auf das Publikum sprach er von einem Stadtbild, wie er es sich vorstelle und wie es sein sollte. Gemeint war nicht die äußere Gestaltung von Straßen oder Gebäuden, sondern die gesellschaftliche Realität, die entsteht, wenn unterschiedliche Menschen selbstverständlich zusammenkommen und sichtbar Teil eines gemeinsamen Raums sind.
Wenn in politischen Debatten vom Stadtbild die Rede ist, geht es häufig nicht allein um Ordnung, Ästhetik oder Stadtentwicklung. Oft verhandelt sich darin unausgesprochen die Frage, wer dazugehört und wessen Präsenz als normal gilt. Darauf verwies Beiersdorf-El Schallah mit einer klaren Einordnung. Sichtbarkeit, so seine Argumentation, sei kein beiläufiges Phänomen, sondern ein politischer Marker.
Wer sichtbar ist, gilt als Teil der Stadt. Wer hingegen unsichtbar gemacht wird, rutscht politisch an den Rand. Dieser Prozess verläuft selten offen oder laut. Er zeigt sich in Sprache, in politischen Prioritäten und in der Frage, wessen Anliegen Gehör finden.
Ein Wir, das aus vielen Identitäten besteht
Ein zentraler Gedanke der Rede war das Verständnis eines gemeinsamen Wir, das nicht auf Vereinheitlichung beruht. Der ZMD-Generalsekretär wandte sich gegen die Vorstellung, Zugehörigkeit entstehe nur dann, wenn Unterschiede unsichtbar gemacht würden. Das Gegenteil sei der Fall. Das gesellschaftliche Wir, so seine Überzeugung, entstehe gerade aus der Vielfalt von Identitäten.
Dieses Wir setzt sich zusammen aus vielen Meinungen, Lebenswegen und Entscheidungen. Dazu gehören religiöse Überzeugungen ebenso wie die bewusste Entscheidung gegen Religion. Vielfalt sei in diesem Verständnis kein Risiko für Demokratie, sondern ihre Voraussetzung.
Im weiteren Verlauf sprach der Generalsekretär über Konflikte in der Gesellschaft – nicht als Ausnahmezustand, sondern als normale Begleiterscheinung pluraler Verhältnisse. Wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, entstehe Reibung. Das sei kein Zeichen von Zerfall, sondern Ausdruck von Bewegung und Entwicklung.
Dabei unterschied er klar zwischen Konflikt und Eskalation. Konflikte, so machte er deutlich, seien weder mit Gewalt gleichzusetzen noch zwangsläufig Ausdruck von Spaltung. Sie seien vielmehr Teil politischer Auseinandersetzung in offenen Gesellschaften. Entscheidend sei, wie mit ihnen umgegangen werde.
In diesem Zusammenhang ging Beiersdorf-El Schallah auch auf den Begriff des sogenannten politischen Islam ein. Seine Kritik richtete sich nicht gegen die Auseinandersetzung mit Extremismus. Sie richtete sich gegen eine pauschale und unscharfe Verwendung des Begriffs, durch die religiöse Praxis, demokratisches Engagement und Extremismus vermengt werden.
Diese Unschärfe, so seine Argumentation, habe konkrete Folgen. Sie treffe nicht die Ränder, sondern häufig die Mitte. Betroffen seien engagierte Musliminnen und Muslime, die Verantwortung übernehmen und sich in Gesellschaft und Kommune einbringen wollen. Religiöse Praxis sei kein Extremismus. Zivilgesellschaftliches Engagement stelle keine Gefahr dar.
Ein Leitmotiv der Rede war das Verständnis von Demokratie als dauerhafte Aufgabe. Sie sei kein Zustand, den man einmal erreiche und dann verwalte. Demokratie müsse immer wieder errungen, verteidigt und gepflegt werden. Dabei gebe es keine Form der Nicht-Beteiligung. Auch Rückzug sei eine politische Aussage.
Nicht zu wählen verschiebe Machtverhältnisse. Es stärke im Zweifel jene, die Demokratie abbauen oder Minderheiten ausgrenzen wollen. Gerade aus muslimischer Identität erwachse deshalb Verantwortung.
Diese Einschätzung teilt auch der ZMD auf Bundesebene. In einer Presseerklärung vom April 2025 kritisierte der Verband, dass muslimisches Leben im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD nicht einmal erwähnt werde und der Begriff "Islam" ausschließlich im Zusammenhang mit Islamismusbekämpfung und Sicherheitsbedrohung auftauche. Der ZMD-Vorsitzende Abdassamad El Yazidi betonte damals: "Wer Verantwortung übernehmen will, darf nicht ganze Bevölkerungsgruppen übersehen. Musliminnen und Muslime sind fester Teil dieses Landes. Ihre strukturelle Unsichtbarkeit im Koalitionsvertrag ist kein Zufall – sie ist ein politischer Mangel, der Konsequenzen haben wird."
Am Ende seiner Rede wurde der Generalsekretär sehr konkret. Er rief dazu auf, wählen zu gehen und dabei sichtbar zu sein. Nicht provokativ, nicht konfrontativ, sondern selbstverständlich. Sichtbarkeit sei kein Selbstzweck. Sie sei Teil von Teilhabe.
Gerade Muslimas, die ein Kopftuch tragen, würden ohnehin als Musliminnen wahrgenommen. Diese Sichtbarkeit könne als demokratische Stärke begriffen werden. Auch muslimische Männer könnten bewusst Präsenz zeigen – ruhig, würdevoll und selbstbewusst. Nicht, um zu polarisieren, sondern um Normalität sichtbar zu machen.
Durch dieses Verhalten, so seine zentrale Botschaft, stärken Musliminnen und Muslime die Demokratie. Sie füllen sie mit Leben. Sie zeigen, dass sie funktioniert, weil sie getragen wird. Das sei kein Symbol, sondern demokratische Praxis.
Der Appell steht in einer Tradition ähnlicher Aufrufe des ZMD. Bereits im Oktober 2023 hatte der damalige Vorsitzende Aiman Mazyek unter dem Motto "Meine Stimme zählt" die Muslime in Hessen und Bayern dazu aufgerufen, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen: "Wir sind Teil Deutschlands, und wir unterstreichen in unseren Gemeinden mit unserer Aktion 'Meine Stimme zählt' unsere Verantwortung als Deutsche und als Muslime, für unsere Demokratie und den Erhalt unserer freiheitlichen Grundordnung einzustehen."
Die Redebeiträge wurden umrahmt von künstlerischen Darbietungen, die zeigten, wie vielfältig muslimisches Leben in Deutschland heute ist. Meryem Mesfin, angehende Politikwissenschaftlerin und Poetry Artist, eröffnete den Nachmittag mit ihren Texten, die gesellschaftliche Themen auf poetische Weise verdichteten. Gemeinsam mit Fred Liepner, Poet, politischer Sekretär der IG Metall sowie ehrenamtlicher Jugend- und Arbeitsrichter, und Kolja Müller, Vorsitzender der SPD Frankfurt und Spitzenkandidat, diskutierte sie über die Kraft der Worte in politischen Auseinandersetzungen.
Für die heiteren Momente sorgten Anissa Lucif, Ärztin, Mutter und Comedienne, sowie Boujemaa Tajjiou, Pädagoge, Islamwissenschaftler und Comedian. Ihre Beiträge machten deutlich, dass Humor eine eigene Form der Teilhabe ist – und dass Lachen verbindet, auch und gerade über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg.
Die Veranstaltung machte auf eindrucksvolle Weise deutlich, dass muslimische Beteiligung kein Sonderthema ist. Sie ist Teil demokratischer Normalität. Demokratie bleibt lebendig, wenn Menschen sie aktiv gestalten. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen braucht sie sichtbares, besonnenes Engagement.
Der Nachmittag im Titus Forum war ein Beispiel dafür, wie dieses Engagement aussehen kann: dialogorientiert, einladend, vielfältig. Mit Kinderbetreuung, kostenfreiem Eintritt und einem Programm, das unterschiedliche Zugänge ermöglichte, wurden bewusst Hürden abgebaut. "Deine Perspektive. Deine Stadt. Deine Stimme." – unter diesem Motto stand die Veranstaltung am 8. Februar 2026, und wer die Gespräche im Foyer, die Diskussionen nach den Reden und die entspannte Atmosphäre erlebte, konnte den Eindruck gewinnen, dass dieses Motto hier tatsächlich mit Leben gefüllt wurde.
Nicht am Rand, sondern mitten in der Stadt.
Nicht als Reaktion, sondern als Verantwortung.
Nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlicher Teil des gemeinsamen Wir.
Für die Bildberichterstattung stehen Aufnahmen der Veranstaltung zur Verfügung, die noch zugeschnitten werden.
Ähnliche Artikel
» Mein Austritt aus der CDU - Eine Entscheidung des Gewissens: Aladdin Beiersdorf-El Schallah, Stv. Vorsitzender ZMD-NRW, Stadtverordneter Sankt Augustin und ehemalige dortige Stadtverbandsvorsitzender erklärt detailliert seine Beweggründe» ZMD begrüßt UN-Initiative gegen Islamophobia und fordert nationale Schritte
Wollen Sie einen
Kommentar oder Artikel dazu schreiben? Unterstützen
Sie islam.de
Kommentar oder Artikel dazu schreiben? Unterstützen
Sie islam.de
Diesen Artikel bookmarken:
Flüchtlinge
Anzeige
Hintergrund/Debatte
Zum Tod von Gerhard Abdulqadir Schabel - Ein Nachruf von Aiman A. Mazyek
...mehr
Muhammad Sameer Murtaza: „Palästina, 1896 – Nakba, Gaza und der verdrängte Diskurs in Deutschland - Aiman Mayzek bespricht sein neustes Buch
...mehr
Jung, vielfältig, politisch einflussreich: Wie sich die muslimische Bevölkerung Großbritanniens verändert
...mehr
Deutsche Industrie verliert bei Patenten den Anschluss
...mehr
Krieg als Geschäftsmodell: Warum die Bankierslogik scheitert – Eine ökonomische Analyse
...mehr
Alle Debattenbeiträge...
...mehr
Muhammad Sameer Murtaza: „Palästina, 1896 – Nakba, Gaza und der verdrängte Diskurs in Deutschland - Aiman Mayzek bespricht sein neustes Buch
...mehr
Jung, vielfältig, politisch einflussreich: Wie sich die muslimische Bevölkerung Großbritanniens verändert
...mehr
Deutsche Industrie verliert bei Patenten den Anschluss
...mehr
Krieg als Geschäftsmodell: Warum die Bankierslogik scheitert – Eine ökonomische Analyse
...mehr
Alle Debattenbeiträge...
Die Pilgerfahrt
Die Pilgerfahrt (Hadj) - exklusive Zusammenstellung Dr. Nadeem Elyas
88 Seiten mit Bildern, Hadithen, Quran Zitaten und Erläuterungen
88 Seiten mit Bildern, Hadithen, Quran Zitaten und Erläuterungen
Termine
Islamische Feiertage
Islamische Feiertage 2019 - 2027
Tv-Tipps
aktuelle Tipps zum TV-Programm
Gebetszeiten
Die Gebetszeiten zu Ihrer Stadt im Jahresplan
Islamische Feiertage 2019 - 2027
Tv-Tipps
aktuelle Tipps zum TV-Programm
Gebetszeiten
Die Gebetszeiten zu Ihrer Stadt im Jahresplan
Der Koran – 1400 Jahre, aktuell und mitten im Leben
Auf islam.de:
Online lesen & durchsuchen der deutschen Übersetzung
Download auf Deutsch:
Immer verfügbar
Tag der offenen Moschee:
Geschichte und Inhalt des Korans
Über den Koran:
Auszug aus der FAQ Liste
SOGESEHEN.TV:
" Gottes Worte für jeden Menschen"
Online lesen & durchsuchen der deutschen Übersetzung
Download auf Deutsch:
Immer verfügbar
Tag der offenen Moschee:
Geschichte und Inhalt des Korans
Über den Koran:
Auszug aus der FAQ Liste
SOGESEHEN.TV:
" Gottes Worte für jeden Menschen"