Newsnational Montag, 19.01.2026 | Drucken

Ramadan, Fokus & Fasten – warum ich mit leerem Magen besser denke

"Auch kein Trinken?"- Selbst das Nichttrinken für Gesunde ist - wissenschaftlich erwiesen - gesundsheitsfördernd - „Nicht trotz des Fastens – wegen des Fastens".

Oft heißt es, Fasten im Ramadan mache müde, unkonzentriert und schwach. Doch neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen: Das stimmt so nicht. Ein Muslim erzählt, warum er mit leerem Magen klarer denken kann – und wie die Forschung ihn endlich bestätigt. Immer wieder wird uns Musliminnen und Muslimen – fast schon vorwurfsvoll – gesagt: „Was, ihr dürft den ganzen Tag nichts essen? Und auch nicht trinken?!" Man sieht den Schreck in den Gesichtern, gefolgt von einem mitleidigen Kopfschütteln, als wären wir auf einer Expedition durch die Sahara ohne Wasserflasche. Dabei sagen wir immer wieder: „Die Regeln des Islam gelten für gesunde, erwachsene Menschen – niemand zwingt Kranke oder Kinder dazu." Doch das geht oft unter, weil man lieber das Dramatische hört: „Wie überlebt ihr das nur?" Ich habe darauf immer meine ganz eigene Antwort gehabt: „Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin im Ramadan meistens klarer im Kopf – ich schreibe meine Klausuren da besser!" Natürlich glaubte mir kaum jemand. Viele hielten das für religiöse Schönrederei. Aber heute zeigt die Wissenschaft: Ganz so falsch lag ich wohl nicht. Ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit. Ramadan fiel ein paar Mal mitten in die Prüfungszeit. Während meine Mitschüler in der Pause ihre belegten Brötchen auspackten, saß ich mit meinem Wasserflaschen-Neid (ja, den gibt’s wirklich!) da – und trotzdem war ich erstaunlich ruhig. Kein Kaugummikauen, kein Magenknurren um 11 Uhr, keine Müdigkeit nach dem Mittagessen – weil, na ja, es gab ja kein Mittagessen. Und genau das war mein Vorteil: kein „Food-Koma", kein „Post-Lunch-Tief". Ich war fokussiert. Wach. Leicht. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf läuft auf einem anderen, reineren Brennstoff. Wenn man fastet, verschieben sich die Sinne. Man riecht mehr, man hört mehr, man spürt mehr – und ja, man denkt auch intensiver. Ich konnte mich besser auf Aufgaben konzentrieren, war weniger abgelenkt.


Und nun bestätigen Studien genau das:Die Gesunde Wahrheit, fasste 63 wissenschaftliche Arbeiten mit insgesamt 3.484 Teilnehmenden zusammen – aus fast sieben Jahrzehnten Forschung, von 1958 bis 2025. Das Ergebnis: Es gibt keinen signifikanten Unterschied in der geistigen Leistungsfähigkeit zwischen Menschen, die fasten, und denen, die normal essen. Aufmerksamkeit, Gedächtnis und exekutive Funktionen – also die Fähigkeit, klar zu planen und zu entscheiden – blieben stabil. In manchen Tests schnitten Fastende sogar besser ab. Drei Faktoren spielten jedoch eine Rolle: das Alter, die Tageszeit und die Art der Aufgabe. Kinder und Jugendliche reagierten empfindlicher auf Fasten als Erwachsene. Tests am späten Nachmittag zeigten eher Leistungsabfälle, während vormittags oft bessere Konzentrationswerte gemessen wurden. Und bei Aufgaben, die mit Lebensmitteln zu tun hatten – etwa wenn Bilder von Essen gezeigt wurden –, schnitten Fastende schlechter ab, weil Hunger natürlich ablenkt. Ich musste schmunzeln, als ich das las – denn genau das deckt sich mit meiner Erfahrung. Morgens war ich fokussiert, am Nachmittag eher sehnsüchtig. Es war nie Disziplin allein, es war ein körperlicher Rhythmus: Mein Energiefluss war klarer, solange ich nicht gegessen hatte. Viele Menschen wissen gar nicht, dass der Körper beim Fasten in einen anderen Modus wechselt. Wenn die Glukosevorräte leer sind, produziert der Körper Ketonkörper – eine alternative Energiequelle, die das Gehirn konstant versorgt. Wissenschaftler sprechen von „metabolischer Flexibilität" – und genau das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich mich im Ramadan so konzentriert fühlte. Kein Zuckerhoch, kein Zuckertief – einfach Fokus. Natürlich gibt es auch Tage, an denen Fasten anstrengend ist. Wenn man schlecht schläft, zu wenig Wasser trinkt oder beim Sahur – dem Frühstück vor Sonnenaufgang – nur süß isst, ist man mittags kein Denkwunder, sondern eher ein Zombie mit spirituellem Anspruch. Und ja, gegen 17 Uhr, wenn der Magen knurrt und der Kaffee fehlt, wünscht man sich kurz, man wäre eine Pflanze und könnte Energie aus Licht ziehen. Aber das gehört dazu. Ramadan ist kein Verzichtsmarathon, sondern eine Übung in Bewusstsein, Geduld und Balance. Ich erinnere mich an eine Matheklausur in der Oberstufe, mitten im Ramadan. Ich hatte in der Nacht gelernt, gefrühstückt, gebetet, kurz geschlafen – und saß dann morgens um acht Uhr in der Prüfung. Neben mir zwei Mitschüler: einer gähnte, der andere trank seinen Energydrink. Ich war erstaunlich ruhig. Kein Zuckerschock, kein Koffeinkater – einfach Fokus. Als ich später die Note bekam, dachte ich mir: Vielleicht war das gar kein Zufall, sondern Fasten-Klarheit.

Wenn mich heute jemand fragt: „Wie kannst du im Ramadan lernen, arbeiten, denken?", antworte ich: „Nicht trotz des Fastens – wegen des Fastens." Der Körper ruht, der Geist erwacht. Während andere nach dem Mittagessen in ihr Suppenkoma fallen, schreibe ich meine Gedanken klar und ruhig nieder – mit leerem Magen, aber vollem Bewusstsein. Die neue Studie bestätigt, was viele Musliminnen und Muslime schon lange spüren: Fasten ist keine geistige Schwächung, sondern eine natürliche Form der Fokussierung. Vorausgesetzt, man ist gesund, erwachsen und geht achtsam mit sich um. Die entscheidenden Faktoren sind einfach: Genug Schlaf, bewusste Ernährung beim Sahur, und – wenn möglich – geistige Arbeit in die Vormittagsstunden legen. Ich würde sagen: Fasten ist kein Kampf gegen den Körper, sondern ein Feinschliff für Geist und Seele. Es leert den Magen, aber füllt den Kopf. Es macht nicht müde, sondern bewusst. Und während die Welt denkt, wir müssten leiden, lernen wir, stiller zu werden – und klarer zu sehen.

Quelle: 1. Meta-Analyse: Fasten beeinflusst kognitive Leistung kaum

Eine große systematische Übersichtsarbeit mit 3.484 Teilnehmenden fand, dass kurzfristiges Fasten (≈ 12 Stunden) keinen messbaren Einfluss auf Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder exekutive Funktionen hat — egal ob die Personen zuvor gegessen hatten oder nicht.  Titel: Acute Effects of Fasting on Cognitive Performance: A Systematic Review and Meta-Analysis https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41182703/





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