Berlinale: Mama Julia
In jedem Jahr steht die Berlinale vor demselben Problem: Sie braucht anspruchsvolle und unkonventionelle Filme, da sie sonst ihre Bedeutung verliert. Und sie braucht große Hollywood-Stars, aus dem gleichen Grund. Ein Spagat. Im vergangenen Jahr misslang er gründlich, als der Film Bordertown mit Jennifer Lopez im Wettbewerb lief. Er wurde zur Lachnummer der Berlinale. Jeder Hollywood-Beitrag wird daher mit besonders großer Skepsis beäugt. In diesem Jahr heißt er Fireflies in the Garden - der Star darin Julia Roberts .
Das Drehbuch des amerikanischen Regie-Neulings Dennis Lee gefiel Roberts so gut, dass sie beschloss, eine Rolle zu übernehmen. Angelockt durch den großen Namen, stießen auch die Schauspieler Willem Dafoe und Emily Watson zum Projekt. Roberts sei die Patin des Films gewesen, sogar die Schutzheilige, sagt Lee ehrfürchtig. Ein junger Filmemacher kann sich freilich Schlimmeres vorstellen, als gleich im Debütfilm eine der höchstbezahlten Hollywood-Diven mit dabeizuhaben.
Was als großes Familien-Epos angekündigt wird, ist jedoch nichts weiter als eine Ansammlung nichtssagender Begegnungen. Die Rahmenhandlung - ein Klassiker: Der Sohn Michael (Ryan Reynolds) kommt zum Familienfest aus New York in seine Heimat im Mittleren Westen; kurz vor seiner Ankunft stirbt seine Mutter (Julia Roberts) bei einem Autounfall. Doch sie darf noch in zahlreichen Rückblenden auftreten, in denen klar wird, dass sie ein sanftes Gemüt besaß, aber ihren Sohn nicht vor den Demütigungen seines Vaters (Willem Dafoe) beschützen konnte.
Im Handlungsstrang, der in der Gegenwart spielt, sollen sich eigentlich die lang aufgestauten Familienprobleme entladen. Aber sie tun es nicht. Vater und Sohn kabbeln sich nach wie vor, doch ihre Wortgefechte gehören zum Standard-Repertoire jeder Durchschnittsfamilie. Ärger gibt's zudem, als Michael auf Mutters Trauerfeier Sex mit seiner Ex-Frau hat und seine zerrüttete Ehe wieder ein bisschen kittet. Für ein bisschen Rührung sorgt das Verhältnis zwischen Michael und seinem kleinen Neffen, in dem er sich selbst wiedererkennt. Wer das nicht sofort begriffen hat, wird durch zahlreiche weitere Rückblenden mit der Nase draufgestoßen.
Eigentlich geht alles gut in diesem Film. Gekrönt wird das Familientreffen schließlich so: Michael Ex-Frau ist schwanger. So wird der unglückliche Sohn zum glücklichen Vater. So schön, so simpel.
Fireflies in the Garden
birgt nicht die geringsten familiären Abgründe. Die im Film angekündigten Untiefen sind allenfalls Pfützen. All dies wäre nicht so schlimm, bekäme man wenigstens solides Unterhaltungskino zu sehen. Nicht einmal Darstellern wie Emily Watson und Willem Dafoe gelingt es, ihren holzschnittartigen Figuren auch nur den Hauch von Lebendigkeit zu verleihen. Und Julia Roberts? Spielt wie immer sich selbst. Ein bisschen rehäugig, ein bisschen leidend, ein bisschen wütend. Und ziemlich blutleer, so wie der ganze Film.
Sollte die Berlinale-Leitung gehofft haben, der Film könne wenigstens die Diva auf den Roten Teppich locken, so ist auch dies misslungen. Roberts kam nicht.