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Ausländerfeindlichkeit: Mord aus der Mitte

In Solingen war die Welt noch in Ordnung. Bis zum Mai 1993, als vier junge Deutsche fünf Türkinnen umbrachten.
Quelle: DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22

Am Ende, wenn die Schmerzensschreie verstummt sind, ganz am Ende, wenn selbst die eifrigsten Chronisten ihre Kalender nach dem Datum der Mordnacht befragen müssen, bricht die Zeit des Gärtners an. Vielleicht ist er der Letzte, der hier noch etwas in Ordnung bringen kann. Er macht sich gerade an den Beeten zu schaffen, als Heinz Siering aus seinem Ford Transit springt und um das Mahnmal läuft, das immer auch sein Mahnmal geblieben ist, das Langzeitgedächtnis seiner Stadt. Der Gärtner erzählt ihm, dass jemand die frisch gepflanzten Blumen herausgerissen hat, und er erzählt das in dem gelangweilten Ton eines Mannes, der zerstörte Grünflächen sieht, wo Siering an zerstörte Menschenleben denkt. Jaja, knurrt Siering, »jedes Mal derselbe Mist«.

Heinz Siering ist 58, gelernter Schweißer. In seiner Werkstatt fertigte er Tausende handtellergroße Ringe an, gravierte die Namen der Käufer ein und türmte die Ringe um ein zerbrochenes Hakenkreuz zu einem Schichtengebirge, dem Solinger Mahnmal. Er sagt: »Da hat der Scharping seinen Ring, der Biolek, die Süssmuth, und irgendwo muss auch Giordano sein.« Die ersten Ringe, die Siering anbrachte, waren noch warm von den Händen der Menschenkette, die sich durch die ganze Stadt zog. »Von hier bis hier«, sagt er und markiert mit einem Fuß die Punkte im Berg, »alles Engländer. Hier sind die Schweden. O ja, sehen Sie mal: Kalifornien.« Stundenlang könnte Siering erzählen. Nur damals, vor 15 Jahren, als er an einem Sonntagmorgen beim Frühstück das Radio einschaltete, schnitt ihm der Schauder die Sätze ab. »Nee«, sagte er zu seiner Frau, »nicht in Solingen. Nee, nee, nee.«

An der Unteren Wernerstraße 81 bricht in der Nacht zum 29. Mai 1993, laut Polizeibericht um 1.38 Uhr, Feuer im Windfang des Mehrfamilienhauses aus, in dem 19 Menschen wohnen. Die damals 50-jährige Türkin Mevlüde Genç ist die Älteste in der Familie, ihr Enkel Durhan noch ein Säugling. Als das Feuer die oberen Stockwerke erreicht, füllt Mevlüde Genç Eimer mit Wasser, aber sie richtet gegen die Flammen nichts aus. Sie springt aus einem Fenster und hört von draußen, wie die Kinder um ihr Leben schreien. Mevlüde Genç trägt nur ihr Nachthemd, rennt barfuß zu einem Nachbarn und klingelt, aber ihr Mund ist so trocken, dass sie keinen Laut herausbringt. Da drinnen verbrennen die Kinder, aber ihre Stimme lässt sie im Stich. Mevlüde Genç versucht, durch ihre fuchtelnden Hände zu sprechen, der Nachbar begreift und bringt ihr eine Flasche Wasser.

Als fünf Minuten später die Feuerwehrleute eintreffen, gibt es nichts mehr zu retten. Gürsün, 27 Jahre alt, hat sich brennend aus einem Fenster im Dachgeschoss gestürzt, tot. Die vierjährige Tochter, die Gürsün fest in ihre Arme geschlossen hat, überlebt den Aufprall. Hatice, 18 Jahre alt, Hitzeschock, tot. Gülistan, zwölf Jahre alt, Rauchvergiftung, tot. Hülya, neun Jahre alt, Rauchvergiftung, tot. Saime, vier Jahre alt, Rauchvergiftung, tot.

»Ich hab bloß das Haus angesteckt, und dabei sind welche umgekommen«

Ein Krankenwagen fährt mit Bekir fort, 15 Jahre alt. Seine Haut, wird man später bekannt geben, ist zu 38 Prozent zerstört. Von dem Heim der Familie bleibt eine in Löschwasser getauchte Ruine zurück. Der Plastikklumpen im verkohlten Wohnzimmer war der Fernsehapparat, das sieht man noch, aber die Leichen einiger Kinder sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

»Was ich gemacht hab, war doch kein Mord«, wird später einer der Brandstifter dem psychologischen Gutachter erzählen. »Ich hab bloß das Haus angesteckt, und dabei sind halt welche umgekommen.« Mitleid? »Nein. Der Staat hat doch sogar Nutzen davon, dann muss er kein Kindergeld zahlen. Weil die Türken schaffen sich doch hier in Deutschland nur so viele Kinder an, um Kindergeld zu kassieren.«

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